Überrollt und was bleibt

Fast hätte ich mir gestern die Nase am Supermarkt platt gedrückt und das nicht zum ersten Mal, seit der 3. Oktober als Feiertag ausgerufen wurde. Irgendwie will dieser Tag sich in meinen Kopf nicht als Feiertag etablieren. Schon so manchen 3. Oktober musste ich von den Resten in meinem Kühlschrank leben, weil ich vergessen hatte, das an dem Tag ein Feiertag ist.

Zum Glück musste ich gestern weder verhungern, noch hungern. Der Kühlschrank prall gefüllt und eine reichhaltige Mahlzeit stand schnell auf dem Tisch, denn immerhin lebe ich in einem Wohlstandsland. Auch zu DDR Zeiten hatten wir genug zu essen und auch so kann ich kein Klagelied aus der alten Zeit vortragen. Ich war damals jung und schon von der „Veranlagung“ her eine rote Socke. Trotzdem waren FDJ und SED nicht der Mittelpunkt meines Lebens. Ich war ein „Funtyp“, also immer dabei, wenn es um Spaß ging.

Hier ein nettes Bild aus der Zeit an die ich mich gerne zurückerinnere. Für Familienfeste wurde sogar das Wohnzimmer halb ausgeräumt.

Viel reisen konnten wir damals nicht. Aber dafür hätte ich auch das Geld nicht gehabt und außerdem ich hatte mit meinen Leuten genug zu tun. Die Familie stand bei mir immer im Vordergrund und ganz weit vorn standen bei mir das Familien- und Dorfleben. Ja , meine Welt war damals klein.

Mein Vater baute damals die LPG auf. Ich sah ihn nur umher flitzen. Er konnte gut und besonnen mit Menschen arbeiten, das hatte ihn wohl als kleinen Mann in die Position des LPG Vorsitzenden gebracht.

Das heißt aber nicht, dass ich mir keine kritischen Fragen zur Landespolitik stellte. Und auf eine Frage habe ich bis heute keine Antwort gefunden. Die Landespolitik von damals wollte das kapitalistische System überholen, ohne einzuholen. „Wie kann man jemand überholen, ohne ihn einzuholen?“

Am Ende wurde weder eingeholt, noch überholt, sondern wir wurden von den Ereignissen überrollt und 16.675 Menschen mussten sich neu orientieren. Die Stasi-Leute wurden gejagt, die Linientreuen wurden ausgegrenzt oder sind gleich nach der Wende gestorben. Die sozialistischen Betriebe wurden verkauft und zerlegt und zu verlängerten Werkbänken des Westens umfunktioniert. Menschen, die sonst oben waren, standen plötzlich ganz unten und die sonst ganz unten standen, stiegen nach oben auf. Achja..die Wendehälse habe ich vergessen. Die wollten oben bleiben. Diese gab es ja auch noch. Doch nach 30 Jahren hat fast jeder wieder seinen Platz im Leben gefunden.

Zur Erinnerung als alte Zeiten. Der Song von CITY hat sage und schreibe schon 42 Jahre auf dem Buckel, aber noch heute hörbar. Und der Text ist universell, wie so viele lyrische Texte aus der damaligen Zeit.

Einmal wissen dies bleibt für immer 
Ist nicht Rausch der schon die Nacht verklagt 
Ist nicht Farbenschmelz noch Kerzenschimmer 
Von dem Grau des Morgens längst verjagt 

Einmal fassen tief im Blute fühlen 
Dies ist mein und es ist nur durch dich 
Nicht die Stirne mehr am Fenster kühlen 
Dran ein Nebel schwer vorüber strich 
Einmal fassen tief im Blute fühlen 
Dies ist mein und es ist nur durch dich 
Klagt ein Vogel, ach auch mein Gefieder 
Näßt der Regen flieg ich durch die Welt 

Flieg ich durch die Welt

Comments

11 Kommentare zu „Überrollt und was bleibt“

  1. Avatar von Sven Meier

    Moin.
    Ich habe deinen Beitrag mit Interesse gelesen und erlaube mir aus einem Kommentar, zu dem das gleiche Thema auffassenden Artikel auf meiner Seite, das zu kopieren:
    „… Damit die Gräben langsam verschwinden, müssen wir uns unsere Lebens-Geschichten erzählen und – ganz wichtig – einander zuhören. Ich glaube dann gibt es über kurz oder lang auch mehr Verständnis …“
    Ja, ich denke mal es ist sehr wichtig, dass wir einander zuhören! Und dass überhaupt erzählt wird!
    Grüße aus Ostholstein!

    1. Avatar von flotterblogger

      Hallo Sven,
      genau so. Seit 30 Jahren werden medial die Lebensgeschichten von denen erzählt, die sich in der DDR nicht wohlfühlten. Und noch heute fühlen sich viele genötigt, immer eine negative Bemerkung zur DDR Zeit zu machen. Ich möchte, denen die deshalb ein schweres Leben in der DDR hatten, auch nicht widersprechen.

      Eine der wenigen, die nicht in jedem Satz negatives über die DDR zu berichten wusste, war Katharina Witt. Eine Dokumentation über ihr Leben als Eiskunstläuferin wurde kürzlich über ARTE ausgestrahlt. Mehrmals unterstrich sie, dass man ihr damals diese grandiose Entwicklung als weltweit bekannte Eiskunstläuferin ermöglichte.

      Das tat mir gut.

      Ich selbst wurde ja in dieses Land hineingeboren, kannte ja auch nichts anderes. Aus meinem persönlichen Leben kann ich über diese Zeit nichts Schlechtes berichten. Ich fühlte mich nicht nur in meinem Elternhaus behütet.
      Mein Sohn – er war damals 13 Jahre alt – empfand die Wende als einen Wechsel aus einem wohltemperierten Raum in einen unterkühlten Raum.

      Man sieht an den Lebensläufen aus Ost und West unterschiedliche Prägungen, die man nicht einfach löschen kann. Prägungen beeinflussen ja auch die Wahrnehmungen und damit die Bewertung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jedoch kann jeder – so wie du schon schreibst – versuchen, den anderen zu verstehen.
      Mein zweiter Sohn bekam von der DDR nichts mit, er kam erst 1989 zur Welt.. Aber er wird durch uns alten DDRler auch eine gewisse Prägung mitbekommen haben, die ihn anders dastehen lässt, als Altersgleiche, die im ehemaligen Westen aufgewachsen sind.

      LG aus Rostock
      Ostseemaus

  2. Avatar von bonanzamargot

    verständlich – du hast ddr-wurzeln. und die deutsche einheit war ja mehr eine übernahme und ausbeutung des ostens durch den kapitalismus.
    aber immerhin hast du dich ganz gut über die wende hinaus durchgewurschtelt bzw. arrangiert.

    1. Avatar von flotterblogger

      Hallo Bo.,
      das Umfeld prägt ja den Menschen und die Hauptzeit der Prägung bekommt man bis zum 16. Lebensjahr auf den Leib geschrieben. Das nimmt man dann mit in sein eigenes Leben.
      Zu DDR Zeiten hatte ich mich mit dem Kapitalismus ja ausgiebig beschäftigt, also wusste, ich was mich erwartet und was zu tun ist. Ich fiel nicht wie viele andere, die euphorisch in ihr neues Leben durchstarten wollten, von einer Ohnmacht in die andere, nur weil sich der Einstieg in die kapitalistische Wirtschaft als schwierig herausstellte.
      Das mir das nichts ausmachte, liegt vielleicht in meiner Natur. Ich liebe Neuanfänge, deshalb machte es mir nichts aus, wieder bei Null anzufangen.

      Ich hoffe, du hattest einen guten Start in die Woche und eine entspannte Kollegin 😎in deinem Arbeitszimmer begrüßen dürfen 😁

      LG La We

      1. Avatar von bonanzamargot

        Ja. Neuanfänge sind spannend… können beleben. Ich könnte mal wieder einen brauchen.

  3. Avatar von Nicole Kirchdorfer

    Wie gut, dass man beim lokalen Lieblings-Restaurant auch zur Abholung bestellen konnte 😉

    1. Avatar von flotterblogger

      Hallo Nicole, das wäre auch eine Option gewesen …. gut das wir drüber geredet haben 😁
      LG aus Rostock
      Ostseemaus

      1. Avatar von Nicole Kirchdorfer

        😁

  4. Avatar von Linsenfutter

    Das ging mir auch so. Ich hatte meine Wochenendeinkäufe für gestern eingeplant. Heute ist „Schmalhans“ Küchenmeister. Lach …

    1. Avatar von flotterblogger

      😁
      Ich hoffe, das Wochenende trotz alledem hungerfrei überstanden 😁😁

      1. Avatar von Linsenfutter

        Ich habe es überlebt. Mein Fettspeicher war hilfreich. Lach …

Schreibe einen Kommentar