So ist das Leben

In schwierigen Zeiten lernte ich die Menschen kennen, wie sie wirklich sind. Vorher dachte ich naiverweise, alle Menschen, die nett zu mir sind, sind auch nette Menschen. Aber mit diesem Irrtum musste ich in meiner tiefsten Lebenskrise schmerzvoll aufräumen und den Hafer von der Spreu trennen. Hatte ich vor der Krise noch 20 Freunde, verblieben mir nach der Krise nur noch 2 in meinem engen Kreis. Schmerzvoll blieb noch eine ganze Weile der Hohlraum, der die Desillusion zurückgelassen hatte, zurück.

„So ist das Leben“, sagten meine Eltern immer dann zu mir, wenn ich noch als junge Frau „zerfleddert“ vom Erwachsenenleben mich unter ihre Fittiche rette und ausheulen wollte. Meine Mutter tröstete mich und meinen Vater beobachtete ich. Ich beobachte, wie er mit schwierigen Situationen umging. Ich erlebte ihn nie in einem aufgeregten Zustand, er sah immer positiv in die Zukunft und trat auch in schwierigen Situationen eher bescheiden, unscheinbar und leise auf. Die Betonung liegt auf „leise“. Weil er leise sprach, hörten alle zu. Er sprach nie zu viel, wiederholte sich nie.

Er ließ mich das Leben selbstständig erfahren, ohne mir zu sagen, was ich tun oder lassen sollte. Dennoch höre ich heute seine Stimme. Er hat die Welt schon 2008 verlassen, trotzdem hole ich mir heute noch einen Rat von ihm bzw. lasse mich von ihm leiten. Früher rief ich ihn an, wenn die Welt mir zu kompliziert wurde. Er erklärte mir die Komplexität und ich verstand mit seiner Hilfe, was um mich herum vorging.

Heute kann ich nicht mehr anrufen und ihn fragen: „Papa. Sag mal, warum demonstrieren die Menschen gegen die Coronamaßnahmen?“ Ob er mir die Frage hätte beantworten können? Ich denke schon, denn seine Menschenkenntnis speiste er nicht mit Bewertungen. Ich muss mich der Frage stellen, weil unter meinen Yogis einige sich auf die Seite der „Querdenker“ geschlagen haben und ich eine neutrale Position finden muss, ohne meine Position aufzugeben. Auf den Weg durch die Pandemie möchte niemand verlieren. Weder durch die Infektion durch den Virus, noch durch die queer gestellte Position zu den Maßnahmen.

Wie kann ich Menschen zusammenhalten, wenn sie gedankliche Gräben trennen? Zurzeit muss jeder von meinen Yogis zu Hause allein Yoga machen und ich kann mir noch etwas Zeit zum Nachdenken darüber nehmen. Ist es die Angst? Angst kennt nicht nur viele Gesichter, sondern hat so viele Erscheinungsbilder, wie es Menschen gibt.

Comments

2 Kommentare zu „So ist das Leben“

  1. Avatar von flotterblogger

    Hallo Bo.,
    jetzt ist es von Alters her an mir. Trost den anderen zu geben. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass es im Leben immer mal wieder auf und abwärts geht. Und das Wissen, dass nicht alles, was heute schmerzlich sich anfühlt, muss für mein Leben später nachteilig sein, unterstützt mich dabei.
    Die Pandemie macht uns alle zu schaffen. Nicht nur, dass wir unser Leben danach ausrichten müssen, sondern weil viele gepaart damit Angst um die Demokratie und die Zukunft haben. All das wird nicht ohne Nachwirkungen bleiben und kann und verändern. Was danach kommt, wird sich zeigen. Es muss nicht schlechter als das sein, was wir jetzt haben.

    Ich wünsche dir noch eine schöne Woche
    lass dir den Arbeitstag nicht zu lang werden. Ich sag dir, ein Gammeltag, wie ich ihn grade führen muss, kann auch ganz schön anstrengend sein 😀😀😀

    LG La We

  2. Avatar von bonanzamargot

    ja, so ist das leben – man muss eine menge aushalten. und trost gibt es nicht immer.

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