Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht aus dem Moment kopfschüttelnd stehen bleibe und sie frage: „Wie kannst du nur einfach so sterben?“ Mal fühlt sich es sich wie ein Frage an, ein anderes mal wie ein Vorwurf: „Wie kannst du einfach so wegsterben?“ Was bleibt ist die Erinnerung an gemeinsame Zeiten und die Stimme, die immer noch durch meine Hinterkopf geistert. Ich höre sie so, als würde sie zu mir sprechen. „Du weißt, ich hadere nie mit meinem Schicksal“ sagt ihre Stimme aus dem jenseits dann zu mir.
Ihre Söhne schrieben alle per Mail an, die sie kannten, wann und wo ihre Besetzung sein würde. So bekam jeder, der es wollte, die letzte Gelegenheit, sich von ihr zu verabschieden. In dem Zusammenhang beschrieben sie für alle, die es noch nicht wussten, wie dramatisch schnell die Krankheit bei ihr verlaufen ist. Mitte April bekam sie die Diagnose und wie die Heilungschancen wären. Keine. Eine Therapie würde ihre Lebenszeit um wenige Monate verlängern. Also entschied sie sich mit vollem Bewusstsein gegen eine Therapie und lies es auf sich zukommen. Solange sie konnte, gönnte sie sich täglich noch ein Bratwurst. Anfangs gingen ihre Söhne mit ihr zum Strand, wo der Bratwurststand war, später fuhren sie sie mit dem Rollstuhl zum Bratwurststand. Bis auch das nicht mehr ging und ihre Söhne sie ins Hospiz brachten.
Ihr bleiben nur noch 10 Wochen um sich von Leben zu verabschieden. dann ging sie für immer. „Sie hat das beste daraus gemacht“ beschrieben sie Söhne die letzten gemeinsamen Wochen mit ihr. „Ich hadere nie mit meinen Schicksal“ klang wieder in meinen Ohren. Ich hoffe, ich habe später auch diese Kraft.
Sie wurde in der Nähe ihrer Wohnung beigesetzt. In einem kleinen Ort wie Graal-Müritz ist man vielleicht immer in der Nähe, egal, wo man wohnt. Ich fuhr mit zwei Bekannten mit, die sich so wie ich , auch von ihr verabschieden wollten. Als wir eintrafen, war die Feierhalle bereits voll. Sie war beliebt und es waren kurz überschlagen fast 100 Trauergäste dort. Die Söhne begleiteten ihre Mutter auf ihren letzten Weg und auch für ihre Beisetzung hatten sie das Zepter in der Hand. Der Jüngste hielt die Trauerrede und der Ältere spielte die Musik ein. Meinen Respekt. Noch einmal schritten mir gemeinsam durch ihre Leben, dass wie viele Leben auch von auf und nieder geprägt war. „Ich hadere nicht mit meinem Schicksal“ klang wieder in meinem Ohren.
Nein, sie hat nie geklagt und gejammert , sondern nimmer versucht, alles zu verstehen. Auch wenn dsie kopflastig war, war sie doch auch spirituell. Ihren Söhnen sagte sie, wie würde jetzt in eine andere Energie wechseln und immer noch da für sie sein.
Ihr Jüngster hielt die Trauerrede und sprach mit einer trauernden Stimme , er lies sie nicht im Tränen abgleiten. Er sprach von L….. und nur selten erwähnte es den Begriff „Mutter“, doch wenn er es tat, brach seine Stimme und die Worte blieben für ein paar Sekunden aus, bis er sie wiederfand. Seine Mutter liebte über alles die Ostsee und war eine Wasserratte vor dem Herren. Das spiegelte sich auch im Altar wieder, den die Jungs für sie echt seemännisch gestalteten. Neben ihrem Bild lagen die großen Schwimmflossen, mit denen sie sich noch schneller in der Ostsee bewegen konnten.

Und seemännisch sollte es weiter gehen. Man bat die Trauergemeinde mit einzustimmen und es erklang ein altes Seemannslied. Nur zögerlich und mit leisen Stimmen sangen wer wir mit, mit jeder Strophe wurden wir lauter und am Ende schunkelten wir mit. Satt einer Trauerfeier gingen alle noch einmal an ihren geliebten Ostseestrand und sprangen für sie noch einmal in die Fluten.
Auch wenn meine Freundin nicht mit ihrem Schicksal gehadert hatte, ich tue es mit ihrem viel zu frühen Tod immer noch und es wird noch eine Weile dauern, bis ich sie wirklich aus meinem Inneren gehen lassen kann. 😢😰


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