Auf die absolute Ruhe im Lockdown folgt nun wieder das hektische Leben, mit allen seinen schönen … aber auch Schattenseiten. Und in Schattenseite hatte ich vor wenigen Tagen einen ungewollten Einblick. Ein mir bekanntes Ehepaar besuchte mich kürzlich, als in grade mit den Kindern in die Sporthalle ging. Sie haben beide auch mit dem Sportverein zu tun . Sie wollten nur schauen und von mir wissen, wie es so läuft. Die Trainingssaison hat nach dem lagen Lockdown und den anschließenden Sommerferien grade erst begonnen und die Gruppe wird täglich größer. Am Dienstag stürmten fast 20 Kinder die Halle und mit ihnen das Ehepaar.
Sie, eine beliebte Trainerin an einem anderem Stützpunkt des Vereins und er, ein großer staatlicher aber sanftmütiger Mann, aber schon in Rente. Bis vor wenigen Jahren unterstützte er den Verein auch nach Leibeskräften, als ihn eine Krankheit nach der anderen aus dem Sportbetrieb riss..
Vor 2 oder 3 Jahren fielen meiner Kollegin und mir auf, dass er nicht mehr der Alter war. Wir beobachteten eine schleichende Persönlichkeitsveränderung. Er wollte z.B. am Telefon wissen, wer wir wären. Ich kannte dieses Nachfragen nach Namen auch schon von meinem Ex-Mann, was mich damals verwunderte. Nach 4 Jahren meiner Beobachtung kam er in ein Pflegeheim für Demenz Erkrankte. Auch er war ein großer stattlicher Mann und es tat weh, ihn so hilflos zu sehen.
Und am letzten Dienstag erlebte ich das Ausmaß einer Demenzerkrankung in der Sporthalle. Ich war über die Maßen erschrocken, als der sanftmütige Mann – er kam ja mit seiner Frau – brüllend in den Gängen der Sporthalle stand. Er glaubte, einen wichtigen Termin nicht mehr einhalten zu können und brüllte deshalb seine Frau mit einen verärgerten Klang in seiner Stimme an. Die Kinder verzogen sich in die Umkleidekabinen und ich versuchte der Überblick zu behalten.
Er wollte dringend mit mir allein sprechen, folgte mir in den Trainerraum und schloss hinter uns die Tür. Seine Frau, die uns folgte, vertrieb er mit lauten Gebrüll, sie schreckte zurück mit den Worten. „Heute ist es wieder ganz schlimm“ und verzog sich wie ein streunender Hund, den man mit Steinen bewarf. Nun standen er und ich allein im Raum. Ich gebe zu, ich fühlte mich unbehaglich, aber auch bestürzt. Was ist nur aus dem symphytischen Mann geworden 😥. Das letzte mal sah ich ihn vor einem Jahr. Da schein er mir eher unsicher, aber zurückhaltend. Er klagte damals über Sehbeschwerden, seine Frau beruhigte ihn fortlaufend. Doch am Dienstag ließ er sich von ihr nicht beruhigen.
Erst als wir allein im Raum standen, wurde es ruhig, weil er ruhig wurde. Er fragte mich, ob der Stützpunkt nun tot sein. (Damit wollte er wissen, ob nach der Auszeit überhaupt noch Kinder zum Sport kommen) Obwohl er mit der Kinderschar die Halle betrat, wollte er von mir wissen, ob überhaupt noch Kinder kommen würden. Zum Glück funktionierten meine aufklärende Worte: „Nein, der Stützpunkt ist nicht tot. Es kommen jeden mehr Kinder“. Er verließ den Raum und folgte auch wieder brav seiner Frau.
Damit will ich aber nicht sagen, dass ich ihn beruhigt hätte, aber vielleicht hatte er durch die eine Antwort von mir, kurzzeitig den Anschluss an die Zeit bekommen und das hatte ihn vielleicht beruhigt. Aber in einen solchen Kopf kann man nicht reinschauen und schon gar nicht voraus sehen, was als nächstes folgt, eine Dämmerzustand oder Verloren sein oder ein Wutanfall ?
Am Abend sprach ich noch einmal mit meiner Schwester darüber. Sie ist Krankrenschwester und konnte mir eine möglich Erklärung dafür geben. Sie sprach von „lichten Momenten“, die weniger werden und davon seien die Betroffenen selber schwer genervt, weil ihnen Zeit dazwischen fehlt. Ihre Erkrankung als solches erfassen sie jedoch nicht im vollen Umfang.
Aber mit diesem Vorfall wurde mir unwiederbringlich bewusst, was solch eine Demenzerkrankung für die Angehörigen bedeutet. Welche e mental Kraft sie täglich aufbringen müssen. Nicht nur, weil sie zusehen müssen, wie ein geliebter Mensch bei lebendigen Leibe schwindet, sondern was es an Kraft braucht, jeden Tag und vielleicht auch viele Nächte, damit umzugehen.


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