Als sie beide die Sporthalle verließen, sah ich ihnen noch nach. Der schmale hintere Gang mit wenig Licht symbolisierte für mich in dem Moment den schmalen Pfad mit Mauern rechts und links, auf dem sich beide gegenwärtig bewegen. Obwohl die Mutter – alleinerziehend – den Arm um die Schulter ihres Sohnes legte, war ich mir sicher, daß nicht die Mutter die Person ist, die ihren Sohn leitet, sondern ihr 9 Jährigen Sohn und damit zahlreiche Konflikte vorprogrammiert sein werden.
Ein Konflikt davon trug sich – wiedermal – in der Sporthalle zu. Ich schrieb ja ab und an mal von den Hürden, die ich als Trainer mitunter überwinden musste, damit der Laden laufen kann. Die Kinder im Breitensport sind zwischen 6 und 10 Jahre alt, kommen 2 mal die Woche und ich arbeite schon im 2. Jahr mit ihnen allein. Bei ansprechbaren und folgsamen Kindern kein Problem, denn sie kommen ja, um gemeinsam Freizeitsport zu machen. Doch wenn einer dabei ist, der andere Absichten hat, kommt der ganze Laden durcheinander und dieser Junge machte mir schon ein gutes Jahr Probleme, die immer wieder den selben Ablauf haben.
Eingeleitet wird sein „Auftritt“ mit einem langen ausgestreckten Arm, der auf einen Schuldigen weißt. „Der hat mich….“ und damit übernimmt der Junge fast die komplette Sportstunde und ich befinde mich in einem Kampf mit dem Jungen, um den Rest der Sportstunde noch zu retten. Der Schuldige ist in den Augen des Jungen ist immer der selbe, den er durch die ganze Halle jagt und die ist wirklich wirklich groß. Nach wenigen Minuten steckt der Schuldige im Schwitzkasten des anderen. Ich trenne die beiden und das Spiel beginnt von vorn. Der junge umkreiste die Gruppe Kinder wie ein einsamer Wolf, wartete auf den Moment, bis er den „Schuldigen“ wieder im Schwitzkasten hatte. Nachdem mir der besagte Junge nach meinen Ermahnungen den Stinkefinger zeigte, war klar, das muss ein Ende haben. „Ich werde mit deiner Mutter sprechen“
Zu Beginn der Woche sprach ich der Mutter gegenüber zum 2. Mal in diesem Jahr eine Sperre von 4 Wochen für Ihren Sohn aus. Bei Fragen könne sie gern in die Sporthalle kommen oder mich anrufen. Sie endschied sich für ein persönliches Gespräch, nach der Sportstunde. Am selben Tag kam der Vater des anderen Jungen, ich nenne ihn mal den „Gejagten“ schon vor der Stunde zur Sporthalle und bat um ein Gespräch mit mir. Sein Sohn hätte Angst zum Sport zu kommen, weil er immer gejagt und in den Schwitzkasten genommen wird. Ich teilte ihm mit, dass ich darauf schon reagiert hatte.
Am Ende der Sporteinheit setzte ich mich mit Mutter und Sohn zusammen und tauschten uns aus. Ich bat sie mir zu schildern, wie ihr Sohn den Verlauf der letzten Sportstunde ihr gegenüber beschrieb . Und da kam, wie nicht anders von mir erwartet, etwas ganz anderes raus. Im Grunde immer das typische bei streitenden Kindern, der andere ist immer der Schuldige.
Ich schilderte der Mutter das Verhalten ihres Sohnes während der letzten Sportstunde und das war das krasse Gegenteil, was die Mutter von ihrem Sohn erzählt bekam. Den Stinkefinger mir gegenüber fand die Mutter nicht so gut, aber ansonsten hätte ihr Sohn alles richtig gemacht.
Und jetzt kommt es. Die Mutter beschrieb den anderen Jungen, den ihr Sohn bevorzugt in den Schwitzkasten nahm, als Monster, der es faustdick hinter den Ohren hätte. „Gut, Jungs haben es in dem Alter wohl immer faustdick hinter den Ohren. Sie messen sich gern und wollen wissen, wer der Stärkere ist. Aber im Gegensatz zu ihrem Sohn kann ich den anderen Jungen ansprechen und er nimmt sich sofort zurück.“
Die Mutter war der Meinung, ich würde das Monster beschützen und ihren Sohn im Stich lassen und beschrieb nochmals in allen Farben die monsterhaften Eigenschaften des anderen Jungen und alles in Gegenwart ihres Sohnes.
Mir wurde schlagartig klar, warum ihr Sohn sich immer aggressiver verhielt. In dem Moment, wenn ich ihren Sohn ankündigte, ich würde mit seiner Mutter sprechen, erzählte er seiner Mutter die Schauergeschichten, die Mutter ihn abnahm. Das wiederum spornte ihren Sohn an, die „Angriffe“ auf den anderen zu verstärken. Eine seltsame Dynamik zwischen Mutter und Sohn, die die Spirale der Aggression weiter nach oben dreht und durch diese Spirale leitet ihr 9 jähriger Sohn sie durch.
Ich hab als alleinerziehende Mutter 2 Söhne groß gezogen. Und noch heute erzählen sie mir mit einem schmunzeln, welche Lügen- und Märchebgeschichten sie mir erzählen, damit sie in meinen Augen die lieben Jungs bleiben, die kein Wässerchen trüben können. Heute nenne ich die Lügen und Märchen meiner Söhne von damals „Beruhigungspillen“ die die mir verabreichten und ich schluckte sie bereitwillig. Das funktionierte jedoch nur solange, bis die Luft richtig unter dem Allerwertesten brannte und ihre Märchengeschichten gleich mit abfackelten. Meine Lektion hatte ich damit gelernt. Besser, die Glutkohle vor dem Flammenmeer austreten, den Söhnen die Ohren richtig lang ziehen und auf keinen Fall ihre „Lügen- und Märchengeschichten schlucken“ denn diese tischen sie der Mutter bevorzugt auf, wenn die Luft schon am brennen ist.
Doch das konnte ich der Mutter nicht sagen und auf den Weg geben, als sie mit den Worten: „Wir Kündigen“ die Sporthalle durch den hinteren schmalen und schlecht beleuchteten Gang verließ. Zum einen, weil es nicht meine Aufgabe ist, der Mutter Erziehungsratschläge zu geben und auf der anderen Seite weiß ich, dass man an seinem Glauben vom Sohn als Unschuldslamm unbedingt festhalten will. Erst wenn der Gang eng und enger wird, könnte es sein, das die Mutter die Mutter-Sohn-Dynamik neu überdenkt.


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