Ihre sonst freundlichen Gesichter sahen gestern ernst aus, als sie mich ansprachen. Sie warteten auf einen passenden Momant, um mir ihre Besorgnis mitzuteilen. „I…. können wir dich mal sprechen?“
Aber der Reihe nach
Die freundlichen Gesichter gehören zu den Erzieherinnen, die einmal die Woche mit 30 Kindern zum Kindersport kommen. Vor Ort angekommen, wird die Kinderschar in 3 Gruppen aufgeteilt. Zwei davon werden in die zuvor aufgebauten Parcoure geschickt, die von jeweils einem Trainer betreut werden. Ich bin die dritte im Bunde. Ich spiele mit der 3. Gruppe abwechslunsgreiche Spiele nach Wunsch. Nach 10 Minuten geht es Reihum, so das jedes Kind an jeder Station und der Spielerunde war. So lief es im letzten Schuljahr.

Seit September diesen Jahren muss der Verein ohne FSJler (Jugendliche, die ein freies soziales Jahre machen) auskommen, das bedeutet, wieder mal Trainermangel. Die Chefin – ich nenne sie mal Frau Chefin – des Vereins muss mit ran und eine Teilgruppe im Parcours mit beaufsichtigen. Das ist kein schwieriger Job, man muss nur aufpassen, dass kein Kind dumm auf die Nase fällt oder es muss vielleicht ermuntern, wenn ein Kind zu zögerlich oder gar ängstlich ist. Wir Trainer müssen es verstehen, z.B. den ängstlichen Kindern eine Brücke zu bauen, damit sie ihre Angst überwinden und sie dann für jeden noch kleinen Fortschritt loben.
Frau Chefin ist von Natur aus eher etwas ruppig, gemischt mit einer Arbeitsweise, die vielleicht etwas von einen Armeestil hat. Damit ist nicht nur der Ton gemeint, sondern auch der Druck, dem die Kinder ausgesetzt sind, wenn sie ihrer Angst oder Unsicherheit konfrontierten werden. Frau Chefin baut ungern Brücken, sondern treibt lieber an. Das mag im Leistungssport vielleicht sogar sinnvoll sein, ist im Freizeitsport eher kontraproduktiv. Frau Chefin und ich unterscheiden uns in der Arbeitsweise mit Kindern in unserem Stil, wie wir die Montivation der Kinder am Laufen halten. Ich baue Brücken, Frau Chefin treibt an und ist nicht zimperlich, was die Wortwahl betrifft. Aber beides kann okay sein, wenn sich niemand darüber beschwert.
Frau Chefin ist von Natur aus kritikfreudig, wenn sie aus ihr an andere versendet wird, aber kritikempfindlich, wenn andere ihre Kritik an sie anbringen wollen. Dann brennt die Luft und die Kritiker sind dann die Undankbaren. Kritik ist aus meiner Sicht ein Weg der Anpassung, für Frau Chefin wohl eher ein persönlicher Angriff. Wenn ich mir später eine ihrer Geschichten von ihr an höre, dann leitet sie diese immer wieder mit dem selben Satz ein: „Ich hab schon wieder so viel Ärger“ Damit meint sie die Knüppel, die man ihr wieder mal zwischen die Beine geworfen hat. Heut weiß ich es besser. Sie hat eine kritische Situation nicht deeskaliert, sondern zur Eskaltion gebracht. Ich bin mir sicher, dass sie diese Selbsteinsicht nicht hat.
Aber nun zurück, zu den ernsten Gesichtern der Erzieherinnen
Sie sprachen mich an, weil sie schon seit einiger Zeit die ruppige Art von Frau Chefin kritisch beobachten. Ihnen fiel auf, dass sie nicht nur mit den Kindern eine ruppige Umgangsform hat, sondern auch uns Trainer mit einem ähnlichem ruppigen Ton behandelt. Das würde ihnen gar nicht gefallen und auch nicht für die Kinder gut sein. Auch ich fand Frau Chefin gestern besonders ruppig und zeigte innerlich schon den Stinkefinger. Aber ich blieb in meiner Professionalität und ließ mich nicht provozieren.
„Wenn sich das nicht ändert, kündigen wir den Vertrag“ kündigten sie an. „Wir müssen jedes mal mehr kämpfen, dass die Kinder mit zum Sport kommen. Viele wollen nicht mehr mitkommen“ Warum sie mich ansprachen und nicht Frau Chefin selbst, die grade die Halle verließ, weiß ich nicht. Vielleicht wollte sie mich nur freundlicher Weise wissen lassen, dass sie wohl bald wegbleiben werden und ich die Schuld nicht bei mir suchen sollte. Vielleicht wollten sie mich indirekt bitten, doch selbst mit Frau Chefin zu sprechen, bzw. sie vorwarnen? Expliziet baten sie mich nicht darun.
Nun sitze ich in einer Zwickmühle. Sag ich es Frau Chefin oder sage ich es Frau Chefin nicht? Im ersten Fall setzte ich mich ihrer Unfähigkeit der Selbstrefekltion aus und damit ihren Klagen über die Undankbaren. Auf der anderen Seite lasse ich sie ins offne Messer laufen. Man oh man, bis zum Wochenende muss ich darüber brüten, ob und wie ich es ihr sagen sollte.


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