Wer hat in den letzten Wochen nicht von Timmy gelesen, gehört oder gesehen? Immerhin hatte Timmy es bis in die Nachrichten geschafft. Allerdings klopfte Timmy nur als anonymer Buckelwal in meinem Kopf an, der auf einer Sandbank in der Wismarer Bucht gestrandet wäre. Meine Aufmerksamkeitsspanne hielt nur einen Moment lang an: „Was, ein Wal in der Ostsee?“
Ab und zu schnappte ich die Nachricht wie diese auf
Der Wal läge noch immer auf der Sandbank. Er würde bald sterben und man würde nur nach ihm schauen, ob er noch atmete. Kurze Info: „Er atment noch“ Man wartete also auf seinen letzten Atemzug. Es gäbe schon Pläne, was man mit seinem toten Körper machen kann. Dann tauchten zwei Namen auf, die mit dem Wal in Verbindung gebracht wurden: Timmy bzw. Hope. Aus dem Buckelwal wurde Timmy. Man hatte ihn personifiziert.
Aber Timmy wollte einfach nicht sterben.
Wahrscheinlich läge er heute noch dort auf der Sandbank am sterben, wenn man sich seiner später nicht angenommen hätte. Auf der Sandbank rief er nach seinen Artgenossen. Für die Anwohner hörte sich das wie Weinen an. Der Wal hatte ja schon einen Menschennamen bekommen, warum sollte er nicht wie ein Mensch weinen? Timmy, so erfuhr ich, war noch ein junger Wal und würde wahrscheinlich nicht so schnell sterben können.
Ein privater Investor brachte sich ins Spiel.
Timmy sollte nun doch nicht sterben und für teures Geld in tiefere Gewässer gebracht werden. Eine Walrettung, wie es sie noch nie gegeben hatte und mit viel medialer Aufmerksamkeit. Ich blieb nun auch regelmäßig am Ball der neusten Informationen, die widershrüchlicher nicht sein konnten. Mir wurde richtig schwindelig beim Lesen. Schlussendlich entschied ich mich, nur noch Informationen zu folgen, die Hoffnung für Timmy entwickelten.
Man sagt, ca. 300.000 Wale verenden jährlich,
Sie verenden, weil sie durch Fischernetze, Schiffsschrauben verletzt werden. Oder sie stranden, weil der Lärmteppich des immer dichter werdenden Schiffsverkehrs sie in die Irre leitet und verenden dort.. Wale sehen mit den Ohren und der Schiffsverkehr beeinflusst ihre Ortung. Ich stelle mir das so vor, ich müsse mich mit stetig geblendeten Augen orientieren.. Ich schätze unter den Bedingungen liefe ich Gefahr in ein Auto zu laufen.
300.000 Wale x 15 Tonnen Gewicht, das macht 4.500.000 Tonnen Biomasse.
Ein tote Wal wird als Biomasse bezeichnet. 4,5 Mi. Tonnen kommen jährlich zusammen, wenn man je wal ca. 15 Tonnen Körpergewichte veranschlagt. In den nordischen Ländern sieht man den gestrandeten Walen beim Sterben zu. Anschließend werden sie zerlegt und gegessen und verfuttert. Pragmatisch eben. Der Lauf der Natur, sagt man, da sollte man nicht eingreifen, so heißt es.
Der entscheidenende Augen Blick
Der Umweltminister von Mecklenburg Vorpommern Till Backhaus erzählte in einem Interview, er hätte dem Wal in die Augen geschaut, 11 mal. Und wer einem Wal in die Augen schaut, ist nicht mehr der selbe Mensch. Sieht man einem Wal in die Augen, sieht man auch, das da jemand zu Hause ist. Und dieser Jemand, der schon seinem Namen – Timmy – bekam, sollte wieder nach Hause gebracht werden. Mit viel Aufwand, mit viel Geld, mit viel Gezeter im Hintergrund, mit viel Bangen, ob der Plan aufgeht. Und nicht zuletzt, ob Timmy nach Plan mitspielt.
Timmy hatte wohl auch den Menschen tief in die Augen geschaut und ihre Emphatie aktiviert, die ihn retten sollte
Er wollte und sollte nun doch nicht anonym in die Biomasse übegehen. Dafür griffen zwei Retter tief in die Tasche, überließen Timmy nicht einfach seinem Schicksal. Ein Schicksal des langen und qualvollen Warten auf den Tod. Man rettete ihn für viel Geld, wo nichts bei rumkommt. Kein Gewinn, nichts. Nur Bangen, ob Timmy sein zweites Leben auch wirklich nutzen kann. Einige kommentierten nur kopfschüttelnd, andere waren die Tränen nahe. Aber darüber später.


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