Krisenmanager

Es gibt Tage, an denen kommt alles zusammen und es scheint so, das alles, was dumm oder blöd laufen kann, sich auf ein Datum einigt und der war wohl gestern. Aber nicht bei mir, sondern um mich herum. Ich übernahm „nur“ das Management der Krise, in der andere steckten.

Eine nahe Verwandte steckt fest, in einer Umgebung, die von narzisstischen Wesenszügen geprägt ist. „Egal was ist oder worum es geht. Wenn etwas besprochen wird, lande ich in einem Kommunikationsdschungel, dass ich plötzlich nicht mehr weiß, worum es eigentlich ging. Ich stehe am Ende immer als Schuldige da und habe dann keine Kraft mehr, mich zu wehren“ Diese sich stetig wiederholende Anstrengung belastet sie sehr und sie kann sich nur über ein Telefonat mit mir entlasten. Ich versuche sie wieder zu stabilisieren, nicht zuletzt über die Aufklärung über narzzistisch geprägte Verhaltensmuster. Gestern war wieder ein längeres Telefonat nötig.

Mein Sohn musste kürzlich eine Demütigung verkraften. In dem Unternehmen, in dem er arbeitet ist die Fluktuationsrate der Mitarbeiter so hoch, dass er im 6. Jahr der Dienstälteste ist. Alle anderen haben, ja, man kann es so sagen, das Handtuch geschissen. Nicht, weil sie keinen Bock auf den Job mehr hatten, sondern weil der Oberboss sie zur Schnecke gemacht hatte. Besonders hart traf es die Zwischenebene, die zwischen Oberboss und Mitarbeitern agieren, jonglieren und balancieren müssen.

Seit ein paar Tagen gibt es die Zwischenebene nicht mehr – es ist nicht schwer zu erraten warum – und der Oberboss nahm das Zepter dafür in die Hand, rief deshalb die Mitarbeit zu einem besonderen Meeting zusammen. Er wollte mit aller Härte , so bekam ich aus der Erzählung den Eindruck, seine Adresse da lassen. Gut, das ist sein gutes Recht als Oberboss. Das Meeting war schon beendet, als er sich meinen Sohn noch mal extra vorknöpfte und vor allen Mitarbeitern ihn folgendes mitteilte: “ Und duuuu kannst froh sein, dass du mit deinem Handycap bei mir arbeiten darfst“ 😬 Mit Handycap war die Epilepsie gemeint, unter der mein Sohn seid dem 12. Lebensjahr leidet. Darüber war der Oberboss von der ersten Stunde an informiert.

Diesen Satz von seinem Oberboss nach 6 Jahren treue Dienste zu hören, traf meinem Sohn bis ins Mark. Er konnte zu Hause kaum noch atmen. Er konnte seinem Oberboss nun nicht mehr dankbar sein, er hatte seine Dankbarkeit mit dem einen Satz vergiftet.

Nach seinem freien Tag am Montag – er wollte sich grade auf Arbeit schleppen – bekam er per WhatsApp zur Begrüßung des Tages eine bedrohlich klingende Sprachnachricht vom Oberboss. Ich weiß nicht, wie ich es bezeichnen soll. Ich könnte es vielleicht als Mobbing bezeichnen? Sinngemäß ließ er verlauten, dass er seinen „verfickten“ Arbeitsplatz anständig und sauber zu verlassen hätte, sonst bekäme er kein Geld. Und außerdem hätte er mit ihm noch ein Hühnchen zu rupfen.

Mobbing am Arbeitsplatz, dass ist die Hölle, das habe ich schon zu DDR Zeiten erfahren müssen. Man weiß nicht, warum, wieso weshalb man was auf die Nuss bekommt und einem wird nur schwindelig, als hätte man ohne Deckung eine auf die 12 bekommen Das steht man nur schwer durch.

„Nimm dich raus“ empfahl ich kurzerhand. Es blieb ihm nur der Gang zum Arzt, denn einen Epileptiker unter solch einem Stresslevel zu setzten, kann nicht gut sein. Auch wenn er jahrelang keinen Anfall mehr hatte, ganz sicher kann man nie sein. Meine Beobachtung in der Vergangenheit war, dass er besonders bei mentalem Stress gefährdet war.

Ich sah meinem Sohn im Treppenhaus noch nach, als mich die Nachbarin von der gegenüber liegende Wohnung ansprach. Sie war sichtlich in Aufregung. Sie wäre nicht die Nachbarin, sondern die Schwester der Nachbarin. Sie hatte in Gedanken die Tür zugeworfen, sich ausgesperrt. Wohnungsschlüssel, ihre Autoschlüssel, ihr Handy und ihr Hund wären noch in der Wohnung. Sie hoffte, ich hätte vielleicht einen Schlüssel, wie sie Nachbarn manchmal austauschen.. „Habe ich nicht“. Ob sie mal bei mir telefonieren könnte. Klar kann sie. Ich bat sie in die Wohnung. Das mit dem Telefonieren stellte sich als schwierig raus. Sie wusste die Telefonnummer ihrer Schwester nicht aus dem Kopf, den Firmennamen auch nicht, sonst hätte sie ihr Schwester auf Arbeit anrufen können.

Was nun? 🤔 sprach Zeus. „Ich könnte es ja mal über Facebook versuchen“ Klar, ich gab ihr wieder mein Handy. Doch das klappte auch nicht, denn wenn man über Facebook jemand anschreiben oder sogar mit ihn telefonieren will, muss man mit der Person „Befreundet“ sein und das war ich mit meinen Account bei Facebook nicht.

Also suchte sie über Google den Firmennamen ihrer Schwester und fragte sich dann endlich durch und bekam zur Antwort, sie wäre im Homeoffice. Es stünde so in der Info. „Nein, sie arbeitet definitiv vor Ort“

Wieder eine Sackgasse. Nach einem weiteren Telefonat bekam sie die Antwort, ihre Schwester wäre zu Tisch. Naja. Aber es drängte die Zeit. Ihr Hund trifft auf Katze in der Wohnung der Schwester. Vertragen sie sich?

Ein nächster Versuch, der Balkon. Der Balkontür, das wusste die Schwester, wäre nur angekippt. Und wenn sie auf dem Balkon käme, käme sie auch in die Wohnung. Unsere Wohnungen liegen im Erdgeschoß, so hoch müsste die Leiter gar nicht sein. Doch der Balkon ihrer Schwester schwebt über den VorGarten des Balkonnachbarn, d.h einzelne Wohnungen im Wohnblock bekamen zur Wohnung einen kleinen Vorgarten obendrauf. Also versuchte sie, den Balkonnachbarn zu erreichen. Vielleicht würde er sie in seinen Vorgarten lassen und ihr auch eine Leiter zur Verfügung stellen. Mit dieser Hoffnung verließ sie meine Wohnung und versuchte ihr Glück beim Balkonnachbarn.

Wenig später schrieb mich über Facebook meine Wohnungsnachbarin an – sie hatte inzwischen meine Freundschaftsanfrage bestätigt – , dass ihre Schwester in die Wohnung gekommen wäre und mit ihrem Hund, Handy und Autoschlüssel Wohnung verlassen hätte. Alles wäre gut und schnell gegangen und sie bedankte sich noch bei mir.

Puh… Nach dem ganzen Toowoobabu, der sich von 10 bis 13 Uhr hingezogen hatten, konnte ich endlich durchatmen.

Comments

9 Kommentare zu „Krisenmanager“

  1. Avatar von Frau Landgeflüster

    was ein Tag. Für Deinen Sohn tut es mir so leid. Hoffentlich findet er schnell eine gute Lösung für sich.

    1. Avatar von flotterblogger

      Stimmt..An manchen Tagen kommt es dicke, da ist es wirklich wichtig, dass man nicht den Kopf verliert.

      Ja..mein Sohn.Er kann viel Kritik einstecken und leidet darunter auch nicht sonderlich. Sowas kann er gut ausbalancieren.
      Umso erschreckener war es für mich, als ich ihn so verstört sah. In ihm stieg Wut auf, die ihn zerreißen wollte. Der fatale Satz v fiel ja erst nach dem Meeting und sollte wohl gezielt unter die Gürtellinie gehen.

      Ich frage mich auch, was in den Chef..ich nenne ihn im Beitrag Oberboss.. gefahren ist. Zur Zeit läuft ihm das Personal davon.
      Ich denke, die wirtschaftlich schwierige Situation, die uns gegenwärtig alle trifft, kann dafür eine Ursache sein.

      Aber ein Pilot darf seine Nerven ja auch nicht verlieren, wenn das Flugzeug in der Luft Probleme macht. Das geht nur mit einem kühlen Kopf.

      Liebe Grüße aus Rostock 🙋🏻‍♀️

      Naja..mein Sohn hat sich selber erst mal aus den Verkehr gezogen und guckt sich den Konflikt aus Distanz an

      1. Avatar von Frau Landgeflüster

        Das macht Drin Sohn genau richtig. Ein guter Chef lässt seine Probleme nie an seinen Mitarbeitern aus, die sein wichtigstes Kapital sind. Ich hasse es Ungerechtigkeiten…

        Liebe Grüße zurück aus der Lüneburger Heide.

      2. Avatar von flotterblogger

        Ich bin auch gespannt, was mein Sohn daraus macht. Aber ich denke, er wird sich was neues suchen.
        Ich habe auch mal unter einem cholerischen Chef gearbeitet und hatte nach Jahren einen „dicken Hals“ und ich denke heute noch mit Grauen daran zurück.

        😱

      3. Avatar von Frau Landgeflüster

        Ich drücke die Daumen, dass er schnell etwas Besseres findet.

  2. Avatar von dieterkayser

    Dieses Mobbing durch den Oberboss ist ja wohl das Hinterletzte

    1. Avatar von flotterblogger

      Ja..Ich frage mich auch, was das sollte. Der Oberboss ist im Team als cholerisch bekannt, aber bisher dachte ich, man kann sich auf ihn verlassen.

      Weiß auch nicht,nwarum er diesen fatale Satz nach dem Meeting, der wohl.unter die Gürtellinie gehen sollte, noch rausgehauen hatte. Das war ja persönlich und sollte ihn wohl zum Duckmäuser machen. Aber das wäre nicht nötig gewesen. Mein Sohn kann sich gar nicht wehren, weil er immer Harmonie anstrebt.

      Ich zerbreche mir auch den Kopf, von welchem Teufel der Chef geritten wurde. Er reichte auch während der Zusammenkunft Bilder von seinen Waffen unter den Mitarbeitern rum, die er als Jagdgewehr für die Bärenjagt in Kanada nutzt. Waren die Bilder stellvertretend für Muckis und Fallus? 🤔

      Aber es ist schon spannend, wie Menschen sich in Szene setzen können, wenn sie eine gewisse Macht haben. Sie spüren sie am stärksten, wenn man Untergebene einschüchtern kann.

      Liebe Grüße aus Rostock 🙋🏻‍♀️

  3. Avatar von Hedwig Mundorf

    Ja, wenn erst mal „der Wurm drin ist““….

    1. Avatar von flotterblogger

      Genau. Alles bundelt sich um einen Zeitpunkt. Aber ich sage mir immer, Krisen sind wie Leuchttürme, sie weißen einen einen neuen Weg.

      Liebe Grüße aus Rostock 🙋🏻‍♀️

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