Grade eben habe ich die blutige Jacke meines Sohnes in die Waschmaschine geschoben. Nach 4 Jahren Anfallsfreiheit – er hat Epilepsie – erlebte ich wieder den Stromschlag in meiner Bauchgegend, als er ein Bild mit Kopfverband aus der Klinik Bad Doberan schickte.
Aber von Anfang an.
Gestern Abend wollte er zurück nach Rostock kommen. Eine Schichtwoche in der Gastronomie Kühlungsborn lag hinter ihm. Den Geburtstagstisch hatte ich für ihn vorbereitet. Er hatte seinen 34. Geburtstag. Er, der Nachkömmling und das Nesthäkchen kommt nun auch in die Jahre. Wir witzelten schon seit Tagen darüber: „der alte Mann und das Meer“. Nun gut, mit 34 Jahren ist man mit meinen Augen noch immer blutjung und bei dem einen oder anderen sehe ich sogar noch die grünen Eierschalen an den Ohren hängen. Für junge Männer ist es heute nicht einfach ihre innere männliche Stärke zu finden. Zu viel Klischees, die die wahre Männlichkeit im eigenen Kern überschrieben haben.
Warum verändert sich sein Standort nicht?
Mit der App „Wo bin ich?“ geben wir einander Einblick über den aktuellen Standort. Für mich war es wichtig, dass ich weiß, wo er steckt, falls ihn seine Erkrankung unerwartet zu Boden reißt. Ich sah, dass er noch in Kühlungsborn war, jedoch an einer Stelle, wo ich mich fragte: „Was macht er da noch? Der Bus fährt doch gleich“. Über GPS per Handy kann es auch zu Verzögerung der Standortmitteilung kommen. Trotzdem kreiste eine diffuse Unruhe in meiner Bauchgegend. Deshalb verfolgte in kürzeren Abständen seine Bewegung von Kühlungsborn nach Rostock. Und dann sendete sein Handy mir seinen Standort aus Bad Doberan und wieder kam die Standortmitteilung zum Stillstand. Warum? Wieder zwickte es in meiner Bauchgegend. Ich rief an, doch niemand ging an Telefon. Standort wurde durch die App präzisiert und die Adresse lautete Sana Krankenhaus Bad Doberan. Das löste bei mir Erinnerungen an zurückliegende mitunter schwere epileptische Anfälle meines Sohnes in der Vergangenheit aus.
Wenig später…..
…bekam ich dann doch eine Reaktion per WhatApp. Ein Bild mit Kopfverband, der wie eine weiße Mütze aussah, und dem Hinweis, dass er dort kein Netz zum Telefonieren hätte. Er wollte mich etwas später anrufen. „Etwas später“ fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Diese reichte, dass mein Kopf wie wild ratterte und verstärkte die Ängste, die ich seit seiner Diagnose Epilepsie hatte. Sie waren durch die 4 Jahre Anfallsfreiheit schon nahezu vergessen. Jetzt waren sie alle wieder da.
Sein erlösender Anruf…
…löste zwar nicht gänzlich meine Aufregung auf, aber ich war erst mal erleichtert, dass es kein erneuter Anfall war. Er war mit dem Rad gestürzt und ist dabei auf den Kopf gefallen. Aber auch das kann gefährlich für Kopf und Halswirbelsäule werden. Der schwere Unfall, ausgelöst durch einen epileptischen Anfall in 2017, hatte ihm ein Schädel-Hirn-Trauma 1. Grades eingebracht. Er sollte nicht wieder auf dieselbe Stelle fallen. Das wäre fatal.
Wie gut, dass es Freunde gibt
Mein Sohn ließ sich mit dem Taxi nach Hause fahren. Ein Taxifahrer, den er aus alten Zeiten aus Warnemünde kennt, war beriet, ihn, obwohl er keinen Dienst hatte, ihn aus Doberan abzuholen. Er hatte seine Freundin dabei. Gut, für ganz umsonst hat er es nicht gemacht, aber immerhin, er hatte ein Teil seiner Freizeit geopfert, die er mit seiner Freundin verbringen wollte.
„Wohlbehalten“ wieder zurück
Mit lädiertem Gesicht und geklammerte Platzwunde stand mein Sohn vor mir und ich konnte ihn endlich umarmen und in echt zu seinem 34. Geburtstag gratulieren, an den er sich wegen des Sturzes von Rad wahrscheinlich immer wieder erinnern wird.
Erkenntnis
Heute kam bei ihm die Erleuchtung, warum er vom Rad stürzte. Gewöhnlich hebt er das Vorderrad kurz an, wenn er von der Straße auf den Gehweg wechselt. Er wollte einem hinter ihm her schleichendes Auto Platz machen. Gestern hob er das Vorderrad nicht an und das war der fatale Fahrfehler.
Das Ehepaar, das im besagten Auto saß, rief den Krankenwagen und betreute meinen Sohn, bis er von den Sanitätern übernommen wurde. Sein Rad behielten sie bei sich zu Hause. Leider tauschten sie die Handynummern nicht aus. Mein Sohn wird erst am Freitag wieder in Kühlungsborn sein. Wo das Ehepaar wohnt, weiß er nicht genau. Er mutmaßt nur. Das Ehepaar könnte sich vielleicht auch Sorgen machen, weil das Rad so schnell nicht wieder abgeholt wird. Der Raum der Spekulation ist groß.


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