ich bin in Trauer

Das dumpfe der Gefühl der Trauer wird sich bei mir wohl noch einige Zeit halten. Das dumpfe Gefühl war allerdings schon vor der Trauer da, bevor ich Gewissheit hatte.

Gute 20 Jahre kennen wir uns schon und blieben bis heute im Kontakt. Unsere Bekanntschaft haben wir den Chatforen zu verdanken, die es damals zu Hauft gab.

Persönlich trafen wir uns aber nur einmal. Er kam damals zur Hanse Sail nach Rostock. Über die restlichen Jahre hielten wir Verbindung über das Handy, das Internet. WhatsApp machte es möglich, das wir uns sogar mehrmal täglich Informationen austauschen konnten. „Guck mal, was bei mir heute auf den Tisch kommt“ oder ich „bin mal wieder auf Malle“. Also meist nichts weltbewegendes. Ab und zu Telefonate und jeden Morgen und jeden Abend grüßten wir uns mit „guten Morgen“ bzw. „gute Nacht“ Die meist einfache simple Konversation schien unsere Verbindung zu festigen, sie wurde Bestandteil unseres Lebens. Das erste was ich am Morgen als neue Info auf meinem Handy fand, war der „Guten Morgen Gruß“

Vor 3 oder 4 Wochen schickte er mit ein Selfi von sich, ohne Kommentar, einfach so. Das kam äußerst selten vor. Mit Besorgnis sah ich, dass er körperlich abgebaut hatte. Er sah ungewohnt klapprig aus. Ich überlegte, ob ich darauf eingehen sollte. Entschied mich aber dagegen. Statt dessen ging ich auf seinen kahl geschorenen Kopf ein. „Hast du die Haare ab?“

Aber fortan nistete sich bei mir das dumpfe Gefühl ein. Da stimmt was nicht. Was stimmt da nicht? Wenig später meldete er sich aus der Klinik. „Ohje, was hat dich in die Klinik gebracht?“ „Niedriger Blutdruck und hohe Entzündungswerte“ schrieb es zurück. Man wolle rausfinden, woran das lag. Dann hieß es „Die Magenuntersuchung wäre wüst ausgefallen. In zwei Tagen wären die Ergebnisse da“ Kurz darauf bekam ich erneut ein Selfi von ihm. Er fotografierte sich im Bett liegend. Wieder ohne weitere Randbemerkung. Ein beklemmendes Gefühl überkam mich und wollte nicht weichen. Wenige Tage später erhielt ich einen 3-Sekunden-Sprachnachricht: „Ich bin zu schlapp zum schreiben“ Danach kam gar nichts mehr.

Meine nachfolgenden Nachrichten hatte mein Bekannter nicht mehr gelesen. Ich glaubte an eine OP, die er vielleicht hinter sich bringen müsste. Dann endlich, am Donnerstagabend, gab es wieder ein Lebenzeichen auf WhatsApp von ihm. Nicht direkt in unseren Chat, sonderm im Status von WhatsApp. Ich war erleichtert. Die Erleichterung jedoch fiel gleich wieder in sich zusammen. Seine Familie hatte den Status genutzt, um alle, die ihn kannten und in regelmäßigen Kontakt mit ihm standen, darüber zu informieren, das er bereits am Dienstag verstorben ist.

Jetzt begleitet mich das Gefühl, das jemand, der immer da war, sogar meine Wohnung verlassen hat. Sie ist leerer geworden. Was ihn letztendlich umbrachte, weiß ich nicht. Er klagte nie. Unsere Konversation war per WhatsApp-Chat wie immer. Kein Hinweis darauf, dass sich da was ernsthaftes anbahnen könnte.

Im Rückblick gesehen, glaube ich, mit den zwei Bildern, die er mir schickte, hatte mein Bekannter sich von mir verabschiedet.

Solange ich ihn kannte, erwähnte er immer wieder seine einzige Tochter, die schon mit 15 Jahren verstarb. „Heute hat meine Tochter Geburtstag und wäre soundso alt geworden“ Nun ist er mit seiner Tochter wieder vereint.

Comments

2 Kommentare zu „ich bin in Trauer“

  1. Avatar von Grinsekatz

    Das bewegt mich – Danke fürs teilen.

    1. Avatar von Flotterblogger

      Ja..das ist wirklich traurig. So aus dem Nichts – zumindest für mich – ging er fort. Trost ist, dass er keinen Leidensdweg antreten musste.

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