Der Plan war klar. Ich wollte in der Stadt noch ein paar Besorgungen machen und mein Sohn wollte zu seinem behandelnden Arzt. Er hatte um 15 Uhr einem Termin. Seit dem 12. Lebensjahr leidet er unter Epilepsie und muß sich 4 mal im Jahr seinem Arzt vorstellen. Wir waren spät dran und hatten es eilig. Hastig eilten wir in den Hausflur. Ich vorweg, mein Sohn hinterher. Ich war schon ein paar Stufen nach untern gelaufen. Doch die fremde Stimme meines Sohnes sorgte dafür, das ich mich doch noch einmal zu ihm umdrehte. Seine Stimme klang fremd, so tief, als käme sie aus der Gruft. Den fremden Klang kannte ich nur aus der Vergangenheit, wenn mein Sohn in einen epileptischen Anfall geriet. Um so war es auch.
Bevor er mir auf die Treppe folgen konnte, brach er zwischen Haustür und Treppe zusammen. Aber wer denkt. der Mensch fällt dabei einfach in sich zusammen, der irrt. Der Körper wird erst stocksteif bevor er fällt. D.h. sein Kopf schlug erst hart gegen die Fliesenwand und anschließend krachend auf dem deim Steinboden im Hausflur. Mir bleib das Herz stehen, konnte den Sturz auch nicht aufhalten, Dabei war ich nur 3 oder 4 Stufen entfernt. Selbst wenn ich neben ihm gestanden hätte. es hätte mich einfach mit umgerissen. Weil sich der Körper Im Anfall komplett verkrampft, setzt auch die Atmung aus und das Beben im Körper will kein Ende nehmen. Ich hatte Mühe. ihm so zu halten, damit er nicht die Treppen nach unten in den Kellergang rutschte. Ich kann gar nicht beschrieben, in welch innerer Panik ich war,
Zum Glück hat man heute schnell das Handy zur Hand. Während ich meinen Sohn festhielt, rief ich auch schon den Notarzt an. Bis der Krankenwagen vor Ort war. musste ich meinen Sohn weiter davor bewahren, dass er sich im Krampf nicht kopfüber die Treppe runter schob. „Bleiben sie ruhig“ . „Bleiben sie bei ihm“ „Der Norarzt ist schon unterwegs“ sagte man mir am Telefon. Am liebsten hätte ich geschrien. Innerlich tat ich es mit Sicherheit. 7 Jahre hatte er keinen Anfall und wir glaubten, er hätte die Krankheit vielleicht sogar durch ein Wunder überwunden. Aber Wunder gibt es nur im Märchen. Im realen Leben kann das immer passieren und man ist von null auf jetzt auf den Notarzt angewiesen. Ich hatte das Gefühl, dass es eine Ewigkeit dauern würde. Aber nein, dass ich war nur meinen unter Panik laufenden Wahrnehmung ausssgeliefert.
Als dann endlich Kranken- und Notarztwagen eintrafen, schien mein Sohn grade erst aus dem Anfall zu erwachen. Seine Beine versperrten den die Haustür. Ich hob sie beiseite, sie waren noch immer schwer wie Blei. Nach und nach kam er wieder ganz zu sich und konnte sogar wieder aufstehen. Die Sanitäter standen um ihn rum, denn die Treppe zum Keller war noch immer gefährtlich nah. Mein Sohn sah bluverschmiert aus. Blut lief aus der Nase, aus dem Mund und seine Stirn war ebenfalls voller Blut. Da reichte es nicht. nur die Vitalwerte zu checken und wieder abzufahren. Mit zitternden Knien lief mein Sohn aber selbstsständig zum Krankenwagen.
Während ich noch mit den Sanitätern sprach, bemerkte ich, dass man Sohn sich nicht auf die Liege legen konnte oder wollte. Vielleicht war er immer noch nicht ganz da? „Wir haben ihrem Sohn eine Beruhigungsspritze gegeben“ informierten sie mich. Das sah ich dann auch, sofort wurde es still im Krankenwagen. Mein Sohn schlief. Ich wurde dann noch über das eine oder andere befragt, dann stiegen alle wieder in den ihre Wagen und bevor sie losfuhren, übergab man mir einen handgeschriebenen Zettel mit einer Telefonnummer. „Rufen sie in ca. 2 Stunden an, dann können Informationen über ihren Sohn bekommen“. dann fuhren sie davon. Es war fast 15 Uhr. Statt sich um 15 Uhr seinem behandelnden Arzt vorzustellen, fuhr er nun in die Uniklinik zur Unfallstation. Ich fiel erst mal auf meine Chouch. Ich war noch betäubt.
Mein Kopf spielte nun alles durch, was der Anfall vielleicht noch alles nach sich ziehen könnte. Der Sturz war nicht von Pappe. auch die Atmung war für mein Gefühl lange unterbrochen. Alles war möglich. Vielleicht würde ich meinen Sohn, so wie ich ihn kenne, nicht mehr zurück bekommen. Vielleicht hat der Aufschlag eine Hirnblutung ausgelöst? Furchtbar, wie das Gehirn sich sofort auf den Weg macht und Szenarien entwickelt. „Wird schon nicht so schlimm werden“ kommt dabei nicht vor. Dass ich bis 20 Uhr immer noch keine Information erhalten konnte, was die Untersuchungen noch eingeben haben, hat es auch nicht einfacher gemacht. Ich musste sogar bis 22 Uhr warten, dann stand mein Sohn wieder in der Wohnung.
Sein Gesicht sah immer noch verstört aus, seine Nase war noch blutverkrustet, ebenso sein Jacke, sein Hemd, Aber er war wieder der Alte, machte sogar einen Scherz mit seiner Mutter. Er selbst bekommt von dem Drama ja nichts mit, nur „Dann wurde es dunkel“ schilderte er mir. Die Notfallstation rief mich später noch an, Sie informierten mich darüber, dass das Nasenbeim gebrochen wäre, man da aber nichts machen könne. „Das verheilt so, Nur nicht kräftig schnauben“.

Aber auch das war noch nicht alles. Am nächsten Tag schwoll die rechte Hand an. Der Chirurg stellte fest, der Daumen war aus dem Gelenk gerutscht. Eine Woche hoffte man drauf, das der Daumen wiede ins Gelenk zurück finden würde. Aber nein. Am Donnerstag musste mein Sohn seinem Daumen unter das Messer legen, er wurde gerichtet und verdrahtet. Nach 4 Wochen werden die Drähte erst entfernt, dann muss die Wunde heilen und anschließend Physio. Bevor er seine rechte Hand wieder normal belasten kann, wird noch ein längerer Weg vor ihm liegen.

Ich bin froh, dass mein Sohn nach dem schweren epileptischen Anfall am 7. Juli nicht noch mehr Schaden davon getragen hatte.
Seit dem sind fast 14 Tage ins Land gegangen. Ich leide immer noch unter den Flashbacks. Heute nicht mehr so oft wie vor einer Woche, Von einem Moment zum anderen sehe ich ihn immer wieder erst gegen die Wand krachen, dann auf den Boden stürzen. Und ich kann ihn nicht halten.


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